herausgeber und kurator   rolf schönlau   2020

Geoästhetik

Katalog zur imaginären
Ausstellung

Vorwort des Luftschiffers Giannozzo

NACH JEAN PAUL

Könntest du doch jetzt unter meinem Luftschiff mithängen, du machtest gewiss die Sänftentüren meiner Luft-Hütte weit auf und hieltest die Arme ins kalte Ätherbad hinaus und das Auge ins düstere Blau – Himmel! du müsstest jetzt aufstampfen vor Lust darüber, wie das Luftschiff dahinsauset und zehn Winde hinterdrein und wie die Wolken an beiden Seiten als Marsch-Säulen und Nebel-Türme langsam wandeln und wie drunten hundert Berge, in eine Riesenschlange zusammengewachsen, mit dem Gifte ihrer Lavaströme und Lawinen zornig zwischen den Ameisen-Kongressen der Menschen liegen – und wie man oben in der stillen heiligen Region nichts merkt, was drunten quäkt und schwillt.

Weltwahrnehmung

Rolf Schönlau – Weltwahrnehmung

»Die Welt ist alles, was der Fall ist.« So der erste Satz und damit die oberste Definition in Ludwig Wittgensteins Tractatus. Die Welt ist das große Ganze, die Totalität aller Tatsachen, nicht nur auf der Erde, sondern im gesamten beobachtbaren Universum. Wobei »Welt« insofern unscharf ist, als damit auch allein auf die Erde Bezug genommen werden kann. Etymologisch geht der Begriff auf das germanische »wira-alđiz« zurück, mit der Bedeutung »Menschenzeit«.

Die griechische Bezeichnung »cosmos« und ihr lateinisches Pendant »mundus« zielen auf den Zustand der Ordnung oder Reinheit, der auf das ursprüngliche Chaos folgte. In der antiken Kosmologie des Claudius Ptolemäus, die im europäischen Abendland bis zur Frühen Neuzeit Gültigkeit besaß, war die Welt- und Himmelskugel – nach dem griechischen »sphaira« auch Sphäre genannt – ein geschlossenes System, bestehend aus konzentrischen Schalen, die mit verschiedenen Geschwindigkeiten um die Erde rotierten. Daran angeheftet waren die sieben Himmelskörper von Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn sowie die Fixsterne.

Nikolaus Kopernikus formulierte 1543 in seinem Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium ein neues Weltbild, in dem sich die Erde zusammen mit den anderen bekannten Planeten, entgegen allem Anschein, um die Sonne bewegte. Die kopernikanische Wende im menschlichen Bewusstsein vollzog sich im 16. und 17. Jahrhundert.

1. Das Bild von der Erde

Der Astronom Galileo Galilei benutzte 1610 das erst kurz zuvor erfundene Fernrohr nicht zu dem Zweck, Beobachtungen auf der Erde anzustellen, sondern visierte damit die Jupitermonde an. Die Crew des Raumschiffes Apollo 8 tat etwas Vergleichbares, als sie 1968 den Fotoapparat nicht auf den Mond als Ziel der Mission richtete, sondern auf die Erde als deren Ausgangspunkt. In der Folge trat das Bild der über dem Mondhorizont aufgehenden Erde an die Stelle des Atompilzes, der seit 1945 als Zeichen des Zerstörungspotenzials das Bild von der Erde bestimmt hatte.

Der »Blaue Planet« (Kat. 18) wurde zur Ikone des Weltraumzeitalters, zum Inbegriff einer ganzheitlichen Sicht auf die Erde und als Cover des ab 1968 veröffentlichten Whole Earth Catalog zum Markenzeichen der kalifornischen Gegenkultur. Der Herausgeber des Katalogs, Stewart Brand, hatte bereits 1966 eine Agitprop-Kampagne gestartet und auf Ansteckbuttons von der NASA gefordert, Fotos von der ganzen Erde zu veröffentlichen: »Why haven’t we seen a photograph of the whole Earth yet?« (1).

Steve Jobs, Mitgründer von Apple, bezeichnete den Katalog 2005 in einer Rede (2) vor Universitätsabsolventen von Stanford als die Bibel seiner Generation – eine Art Proto-Suchmaschine, in Menlo Park erfunden, wo 1998 auch Google gegründet wurde. Auf der Rückseite der letzten Ausgabe des Whole Earth Catalog von 1971 stand die Devise, die sich Steve Jobs zu eigen machten sollte: »Stay hungry. Stay foolish«. So skizzierte er mit wenigen Strichen eine Genealogie des Computers als aus planetarischem Bewusstsein geboren.

Die Metapher vom »Raumschiff Erde«, bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt und 1966 von Kenneth E. Boulding in einem Aufsatz über die Bewirtschaftung der Erde verwendet (3), ging 1969 viral. »Wir sind alle Astronauten«, schrieb der Architekt und Designer Richard Buckminster Fuller im Operating Manual for Spaceship Earth (4). Die Menschen würden seit zwei Millionen Jahren an Bord leben und wüssten es nicht einmal. Um das Raumschiff dauerhaft leistungsfähig zu erhalten, sei es für die Menschheit an der Zeit, den Planeten ganzheitlich zu begreifen und als Systemadministrator das Energie-Management zu übernehmen.

Angesichts der drohenden ökologischen Katastrophe erwies sich das Konzept vom »Raumschiff Erde« als mehrfach anschlussfähig (5). Die fortschrittsgläubigen Technizisten, die den neuen Außenposten der Menschheit im Weltraum verorteten, sahen darin die zeitgemäße Version des biblischen Mythos von der Arche Noah, die sie dazu aufrief, das auf der Erde gefährdete Leben anderswo fortzusetzen. Für die Umweltschützer der Gegenkultur verwies das Bild vom Raumschiff auf die begrenzten Ressourcen des Planeten, der nur durch eine rationale Ökonomie und nachhaltige Entwicklung zu bewahren war.

»Gaia«, ein weiterer Kosename des Planeten, kam Ende der 1970er-Jahre mit James Lovelock und seiner Hypothese von der Erde als sich selbst regulierendem Organismus auf (6) und etablierte sich in der Folgezeit sogar als Mädchenname. Esoteriker der New-Age-Bewegung ergriffen das ursprünglich biologische Konzept und statteten es, oft amalgamiert mit naturreligiösen Vorstellungen von »Mutter Erde«, mit den Attributen eines fühlenden Wesens aus. »Gaia«, in der griechischen Mythologie die Personifikation der Erde, ist die poetische Form von »Ge«, das uns in Fächern wie Geographie oder Geometrie schon in der Schule begegnet.

Koyaanisqatsi, das filmische Klagelied über die drohende Zerstörung der Erde, gedreht von Godfrey Reggio und produziert von Francis Coppola, erschien 1983. Philip Glass lieferte den Soundtrack, der die Kinobesucher durch ständige Wiederholung bestimmter musikalischer Patterns bei minimalen rhythmischen Variationen hypnotisch fesselte. Passend zur Endzeitstimmung der frühen 1980er-Jahre rauscht ein monumentaler Bilderbogen über die Leinwand, als würden die Highlights des Lebens auf der Erde noch einmal vor dem inneren Auge des sterbenden Planeten ablaufen.

Ihren bisher letzten schmückenden Beinamen erhielt die Erde 1988 von der Association of Space Explorers, einer internationalen Organisation, deren Mitglieder die Erde mindestens einmal in einem Raumfahrzeug umrundet haben müssen. Der Heimatplanet, so der deutsche Titel des parallel in den USA und der UdSSR herausgegebenen Bildbandes (7), erzählt von der zunehmenden Bedeutungslosigkeit nationaler und kontinentaler Grenzen beim Blick aus dem Weltraum zurück auf die Erde. Wobei »Heimatplanet« an einen Science-Fiction denken lässt, in dem die Spezies Mensch den Schritt ins interplanetare Dasein bereits gemacht hat.

Dass sich Informationen über Nationalgrenzen hinweg nahezu in Echtzeit rund um den Globus verbreiten, hatte der Medientheoretiker Marshall McLuhan bereits in den 1960er-Jahren vorausgesagt und dafür den Begriff des Globalen Dorfes geprägt. In seinem 1989 posthum veröffentlichten Buch The Global Village schrieb er der Erde, die sich quasi ihrer selbst bewusst werde, eine rosige Zukunft zu: »Die medialen Ausdehnungen des Menschen führen zur Menschwerdung des Planeten.« (8) An ein planetarisches Bewusstsein appellierte auch die Agenda 21 der Vereinten Nationen von 1992, mit ihrer Anleitung für eine nachhaltige Entwicklung der Erde: »Global denken, lokal handeln«. Angesichts der unverkennbaren Anzeichen des Klimawandels bleibt heute nur eine negative Definition für die Einzigartigkeit der Erde, auf den Punkt gebracht in dem weltweiten Slogan »There is no Planet B«.
In früheren Jahrhunderten erschien den Menschen das Leben auf der Erde keinesfalls als alternativlos. In der Zeit um 1700 wurde überall in Europa über ein mögliches Multiversum diskutiert, eine Vielheit der Welten (Kat. 15). Nachdem allgemein anerkannt war, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums bildete, wollte man die Möglichkeit von Leben auf Planeten anderer Sterne zumindest nicht ausschließen.

Ob die Gegenerde oder Antichthon, die von dem griechischen Philosophen Philolaos im 5. Jahrhundert v. Chr. postuliert wurde, bewohnt sein sollte, ist nicht bekannt. Sie hatte vor allem Balancefunktion in seiner Kosmologie, in der Erde, Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und die Fixsterne um ein Zentralfeuer kreisten. Da alle Himmelskörper als ätherisch, also federleicht galten, die Erde aber offensichtlich schwer war, benötigte das System ein Gegengewicht, das Philolaos auf der innersten Umlaufbahn, der Erde direkt gegenüber, platzierte. Die Theorie wurde zwar bereits von Aristoteles widerlegt, doch das Balanceargument erwies sich als äußerst langlebig. Noch 1657 ist auf einer Weltkarte von Nicolas Sanson unter dem Namen »Terre Magellanique Australe« ein riesiger Südkontinent verzeichnet, der eine gleichmäßige Verteilung der Landmassen auf der Erde gewährleistet.

Das Streben nach Harmonie im Bild von der Erde findet einen besonders anschaulichen Ausdruck in den mittelalterlichen T-O-Karten, die wie ein Logo des Planeten anmuten (Kat. 21). Umgeben vom ringförmigen Weltmeer teilt sich der Erdkreis durch ein T-förmiges Mittelmeer, das die drei bekannten Kontinente Asien, Europa und Afrika voneinander trennt. Die Entdeckung des Westkontinentes Amerika durch Christoph Kolumbus machte zwar das Schema zunichte, doch fand das Harmoniedenken sofort Korrespondenzen der nun vier Erdteile mit den vier Elementen, den vier Himmelsrichtungen und den vier Jahreszeiten (9).

Die Existenz Amerikas war der Beweis für die mathematische Ordnung des Kosmos, die seit Pythagoras das Denken bestimmt hatte. Der Astronom Johannes Kepler beschrieb die von ihm entdeckten mathematischen Gesetze der Planetenbewegungen in seinem Werk Harmonices Mundi von 1619 als eine nur durch den Verstand fassbare, also nicht hörbare, mehrstimmige Musik. Eine Vertonung von Keplers »Weltharmonik« durch die Komponistin Laurie Spiegel gehört zum Inhalt der Datenplatten, die mit den 1977 gestarteten Voyager-Raumsonden seit 2012 im interstellaren Raum unterwegs sind, um etwaige außerirdische Lebensformen über die Verhältnisse auf dem Planeten Erde zu informieren (Kat. 20).

Der kanadische Astronaut Chris Hadfield nahm 2013 an Bord der internationalen Raumstation ISS eine Coverversion von David Bowie‘s Welthit Space Oddity von 1969 auf und stellte das Video ins Internet. Bei Bowie verliert Major Tom zum Ende des Songs bei einem Weltraumspaziergang den Kontakt zur Bodenstation, Commander Chris dagegen landet mit einer Sojus-Kapsel in der kasachischen Steppe. Abgesehen von diesem Happy End sind die beiden Versionen nahezu identisch. Der reale Raumfahrer identifiziert sich mit den Empfindungen seines fiktiven Vorgängers. Wenn der Sänger mit der von ihm besungenen Figur deckungsgleich wird, ergibt sich ein Spiegeleffekt, der zur Reflexion über das ikonische Bild des Raumfahrtzeitalters auffordert: »Planet Earth is blue / And there‘s nothing I can do.« Zur weiteren Entmystifizierung trägt auch die profane Variante des ISS-Astronauten bei, der sein Tagespensum erfüllt hat: »And there‘s nothing left to do«.

2. Wahrnehmungsästhetische Zumutungen

Vor dem 20. Jahrhundert konnte ein Mensch in seiner Lebenszeit nur einen verschwindend geringen Teil der 510.000.000 km² großen Erdoberfläche wahrnehmen. Piloten auf Interkontinentalrouten bekommen vielleicht ein Hundertstel davon zu sehen, nur den Astronauten, Kosmonauten und Taikonauten zeigt sich das Ganze.

Auf der Erde kommen wir nicht über das geozentrische Weltbild des Claudius Ptolemäus hinaus, denn die Sonne geht vor unseren Augen auf, hat ihren Höchststand und geht wieder unter. »Die Erde als Ur-Arche bewegt sich nicht«, vermerkte der Philosoph Edmund Husserl (10). Die Kopernikanische Wende können wir nur gedanklich nachvollziehen. Auf einer rotierenden Kugel zu stehen, die mit einer Geschwindigkeit von 100.000 km/h auf einer elliptischen Bahn um die Sonne rast, überfordert die menschliche Vorstellungskraft.

Karussells üben vermutlich deshalb eine so große Faszination auf Mitfahrer und Zuschauer aus, weil sie die Möglichkeit bieten, den Rang der Erde im Sonnensystem spielerisch nachzuvollziehen bzw. das System von außen zu betrachten. Beim Herumgeschleudertwerden spüren die Mitfahrer sowohl die Fliehkräfte, als auch die Gegenkräfte des stabilen Gestänges, die ihr Gefährt in der Bahn halten. Die als »Breakdancer« bekannt gewordenen Karussells mit einer Drehscheibe, auf der sich rotierende Gondelkreuze befinden, vermitteln sogar eine Vorstellung von den Verhältnissen, wie sie in einem Multiversum herrschen könnten.

Die ungeheuerliche Zumutung, sich auf der anderen Seite der Erdkugel Antipoden, wörtlich »Gegenfüßler«, vorstellen zu müssen, sorgte auch unter den Denkern der Antike für heftige Polemiken. Doch ließ sich nicht leugnen, dass die Erdoberfläche gekrümmt war, denn die Seeleute sahen seit jeher, wie die Schiffe am Horizont zuerst mit der Mastspitze auftauchten. Ferdinand Magellan lieferte mit seiner Weltumseglung, zu der er 1519 aufbrach, nur den spektakulären Nachweis, dass die Erde eine Kugel war, auf der man sich endlos in eine Richtung bewegen konnte, ohne je an eine Grenze zu gelangen (Kat. 11).

Da Ortsangaben wie »oben« und »unten« nur auf einer als flach gedachten Erde sinnvoll sind, sprechen Piloten beim Landen vom »Einfliegen« und beim Starten vom »Ausfliegen«. Um die Kugelgestalt der Erde auch im Alltag sprachlich und mental korrekt zu erfassen, schlug Buckminster Fuller deshalb vor, es den Piloten gleichzutun und zum Beispiel beim Stockwerkwechsel mit den Begriffen »treppein« und »treppaus« zu operieren (11).

Ob die Erdrotation oder die Himmelsdrehung den Rhythmus von Tag und Nacht verursacht, ist von der Erde aus nicht zu entscheiden. Mit dem Foucaultschen Pendel, das seit 1851 im Pariser Panthéon hängt, ist die Erdrotation allenfalls zu erschließen. Auch das unmittelbare Erleben von Zeitverschiebungen auf Langstreckenflügen stellt nur einen Indizienbeweis für das Kreiseln der Erde dar.

Das Überschreiten der Datumsgrenze ruft noch heute allein in der Vorstellung eine gedankliche Verunsicherung hervor, die erahnen lässt, wie es Sebastian del Cano und den anderen 17 Überlebenden von Magellans Weltumseglung erging, als sie 1522 nach Portugal zurückkehrten und laut Logbucheintrag glauben mussten, einen ganzen Tag verloren zu haben. Noch 1873 war die Datumsdifferenz in Jules Verne’s Roman In 80 Tagen um die Welt gut für ein Happy End. Der Protagonist Phileas Fogg glaubt bei seiner Rückkehr nach London die Wette verloren zu haben, bis ihm klar wird, dass er bei seiner Weltumrundung in östlicher Richtung einen Tag gewonnen hat.

Die Erkenntnis, dass die Erde keine Sonderstellung im Sonnensystem besaß, sondern ein Planet war wie jeder andere, ein »asters planetai«, wie die Griechen sagten, ein wandernder Stern, hatte sich längst durchgesetzt, als Siegmund Freud 1917 eine Kränkung des menschlichen Narzissmus durch die Vertreibung aus der sicheren Mitte diagnostizierte. Dabei kann die kopernikanische Wende auch als Befreiung gedacht werden, denn die Erde war zu den Gestirnen aufgestiegen und für die Hölle (Kat. 16), die nur tief unten in der Mitte lokalisiert sein konnte, war kein Platz mehr (12).

Etwa zur selben Zeit kam auch die Theorie auf, dass nicht nur die Erde als Ganzes wanderte, sondern auch die einzelnen Erdteile. Das Festland, das ohnehin kaum ein Drittel der gesamten Erdoberfläche ausmacht, sei in ständiger Bewegung. Dass die Umrisse von Afrika und Südamerika wie Puzzlestücke ineinander passen, war bereits dem Kartographen Abraham Ortelius Ende des 16. Jahrhunderts aufgefallen.

Der Meteorologe Alfred Wegener setzte sich 1912 mit seiner Theorie der Kontinentaldrift noch dem Spott der Fachwelt aus, weil er die Antwort schuldig blieb, wodurch die Verschiebung zustande kommen sollte. Das gelang erst in den 1970er-Jahren mit der Theorie der Plattentektonik, die erklärte, dass die Kontinente als Teile eines zusammenhängenden Urkontinents seit 135 Millionen Jahren in Bewegung sind. Aktuellen Prognosen zufolge liegt Australien in 20 Mio. Jahren am Äquator und kollidiert in 80 Mio. Jahren mit Japan. Sizilien befindet sich in 40 Mio. Jahren vor Rom und Grönland in 150 Mio. Jahren in einer Position südlich von Peru.

Nicht zwischen Ruhe und Bewegung unterscheiden zu können, ist der größte Affront für die Sinne. Zugreisende sind damit konfrontiert, wenn sie an einem Bahnhof unvermittelt von ihrer Lektüre aufblicken und sich irritiert fragen, ob sie nun selber fahren oder der Zug auf dem Nachbargleis. Auch Schiffspassagiere erleben die Bedingtheit ihres Bewegungsempfindens. Kommt es zum Konflikt zwischen dem Auge, das die Kabinenwand an Ort und Stelle sieht, und dem Gleichgewichtsorgan, das den Seegang verspürt, kompensiert Letzteres das Schwanken zugunsten einer stabilen Umwelt. Wieder an Land, braucht das Gleichgewichtsorgan einige Zeit, um die Anpassungsleistung zurückzufahren und das Festland als unbewegt wahrzunehmen.

Auch wenn der Boden unter den Füßen noch so gelinde schwankt, bricht augenblicklich der Alltag zusammen. Erschütterungen des Erdkörpers zu spüren, ist immer ein Schock, der alle Gewissheiten in Frage stellt. Das große Erdbeben von Lissabon am Allerheiligentag 1755 untergrub im gesamten christlichen Europa den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes. Wie konnte die existierende Welt, nach dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, die beste aller möglichen Welten sein, wenn unter der Erdkruste zerstörerische Kräfte brodelten, die ohne Rücksicht auf moralische Verdienste Einzelner fast eine ganze Stadt auslöschten?

3. Die Karte ist interessanter als das Gebiet

So nennt der fiktive Künstler Jed Martin in Michel Houellebecqs Roman Karte und Gebiet von 2010 seine Fotoausstellung mit inszenierten Ausschnitten aus historischen Straßenkarten. Dem hätten Kartenliebhaber früherer Jahrhunderten sicherlich zugestimmt.

Wer 1570 Abraham Ortelius’ Theatrum orbis terrarum erwarb, die erste Kartensammlung in Buchform, 1595 den Atlas von Gerhard Mercator, 1665 den Atlas Maior von Joan Blaeu oder 1716 den Großen Atlas über die ganze Welt von Johann Baptist Homann, der versprach sich Stoff für Lehnstuhlreisen. Man konnte bequem von zu Hause miterleben, wie in fernen Ländern Drachen gejagt wurden oder wie der Mahlstrom im Nordmeer Segelschiffe verschlang. Solche Karten, auf denen »Hic sunt leones« stand, wenn der Kartograph gar nichts mit einem Landstrich verbinden konnten, waren Vorläufer von Dokumentarfilmreihen wie Planet Earth, die in Superzeitlupe zeigen, wie ein Hai eine Robbe attackiert.

Das Vertauschen von Karte und Gebiet ist bei der Kartenlektüre durchaus üblich, denn wir machen nichts anderes, wenn wir uns auf einer Wanderung fragen: Wo sind wir auf der Karte? Diese Praxis geht darauf zurück, dass sich Monarchen seit dem 16. Jahrhundert oft mit Karten abbilden ließen, um ihren Herrschaftsanspruch auf das entsprechende Territorium zu dokumentieren. Karten fungierten als Urkunden eines in Besitz genommenen Gebietes.

Je kleinmaßstäbiger eine Karte ist, also je weiter hineingezoomt wird, desto realitätsnaher sollte sie sein. Eine Generalkarte im Maßstab 1 : 200.000 vermittelt in der Regel einen schönen und wohlgeordneten Eindruck einer Landschaft. Ein Messtischblatt im Maßstab 1 : 25.000 bildet bereits verwirrende Kleinteiligkeiten ab, die bei noch größeren Maßstäben zunehmend den Überblick verstellen. Eine gedachte Karte im Maßstab 1:1, die selbst die kleinste Bodenerhebung verzeichnete, wäre keine Karte mehr. Denn ohne Generalisierung erfüllen Karten nicht mehr ihren Zweck, nämlich dem Nutzer räumliche Orientierung zu bieten.

Der uruguayisch-spanische Maler Joaquín Torres-García proklamierte 1943: Unser Norden ist der Süden! (13) Auf der begleitenden Zeichnung war Südamerika umgekehrt dargestellt, mit dem Äquator unten und Feuerland oben. Die radikale Geste war als Kritik an den standardisierten Kartographien zu werten. Noch heute sind auf der Nordhalbkugel viele Weltkarten im öffentlichen Raum nach der winkeltreuen Mercator-Projektion aufgebaut, die dazu führt, dass Europa, Nordamerika und Russland überdimensional groß erscheinen, während Afrika, das 22% der gesamten Landfläche der Erde ausmacht, kaum größer zu sein scheint als das um fünfzehnmal kleinere Grönland.

Der Mathematiker Leonhard Euler hatte bereits 1777 bewiesen, dass die dreidimensionale Kugeloberfläche der Erde nicht exakt und wirklichkeitsgetreu in die zweidimensionale Ebene eines Kartenblattes übertragen werden kann. Insofern bringen alle Kartenprojektionen Verzerrungen des geographischen Weltbildes mit sich (Kat. 28). Wie abhängig vom eigenen Standort die Sicht auf die Welt ist, demonstrierte bereits der Astronom Johannes Kepler 1609 in seiner literarischen Mondreise: Wenn die Zeitgenossen in Mondmeeren und Kratern einen »Mann im Mond« zu erkennen glaubten, könnten fiktive Mondbewohner die europäische Landkarte ebenso gut als »Kuss der Kontinente« lesen (Kat. 10).

Um eine Tour in exotische Weltgegenden zu imaginieren, waren Globen weniger geeignet als Karten, in die man sich besser vertiefen konnte. Dafür boten Globen, neben dem orientierenden Überblick, eine Fülle an lexikalischem Wissen. Der sog. Erdapfel des Martin Behaim von 1492, die älteste erhaltene Darstellung der Erde in Kugelgestalt, zeigt das gültige Weltbild am Vorabend der Entdeckung Amerikas. Er enthält Miniaturen von Herrschern, Wappen und bekannten Orten, dann Länder-, Orts- und Flussnamen sowie erklärende Texte von der Bibel bis zu den Reisebeschreibungen des Marco Polo.

Spätere Erdgloben, wie etwa die von Gerhard Mercator 1541 oder Vincenco Coronelli 1690, bildeten das jeweilige Weltwissen ab. Als Prunkstücke in herrschaftlichen  Audienzräumen, Banken und Kontoren, Bibliotheken und Salons verkündeten sie, wohin die Europäer als Entdecker, Eroberer, Missionare, Händler, Berichterstatter und Touristen schon vorgestoßen waren oder es demnächst sollten. Globen kommunizierten den Stand der Globalisierung (14).

Mit dem Aufstieg des British Empire zur Weltmacht wurde der Taschenglobus zum modischen Accessoire des Londoner Gentleman (Kat. 24). Weltläufigkeit und Verfügungsgewalt kennzeichnen auch den Globetrotter, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Länder und Kontinente durchstreift. Der Milliardär, der sich eine Insel auf The World kauft, dem künstlichen Ferien-Archipel vor der Küste von Dubai, will sich ebenso als Kosmopolit darstellen, wie der kleine Angestellte, der am Sonntagnachmittag mit der Familie zum dänischen Klejtrup-See fährt, um dort auf der Weltkarte im Minigolf-Format zu flanieren (Kat. 25).

Der Riesenglobus des englische Kartographen James Wyld mit einem Durchmesser von über 18 m wurde während der Londoner Weltausstellung 1851 am Leicester Square aufgestellt und stand dort bis 1862. Auf seiner Innenseite war die Erdoberfläche mit etwa 6.000 nahtlos zusammengefügten Karten maßstabsgetreu nachgebildet, die Erhebungen mit dreifacher Überhöhung. Die Besucher tauchten beim Betreten des Globus im südlichen Pazifik auf und konnten über vier Galerien bis zum Nordpol emporsteigen. Die Satirezeitschrift Punch verglich Wyld’s Great Globe mit geographischen Globuli, die man auf einmal einnehmen könne.

Die Idee einer weltumspannenden Karte, die alles enthielte, wurde zum ersten Mal von Daniel Defoe formuliert. In seiner Satire Der Consolidator oder Erinnerungen an allerlei Vorgänge aus der Welt des Mondes von 1705 ist es den Kartenmachern auf dem Mond dank spezieller Beobachtungsgläser gelungen, Echtzeit-Karten zu erstellen, die es erlauben, die politischen und sozialen Missstände auf der Erde en détail zu erkennen (15). Von solchen dynamischen Karten, die in anschaulichen Bildern und Szenen über die herrschenden Verhältnisse informieren, ist der Weg nicht weit zu Google Maps, angereichert mit themenspezifischen Informationen.

1965 referierte Buckminster Fuller in einer Konferenz an der Southern Illinois University über sein Konzept für eine »Geosphere«, ein Miniaturmodell der Erde von 70 Metern Durchmesser, ausgestattet mit Luftaufnahmen der gesamten Erdoberfläche. Um eine umfassende Simulation zu ermöglichen, sollten alle erdenklichen statistischen Daten und Live-Informationen über den Zustand der Erde kontinuierlich in die Kuppel eingeblendet werden (16). Ziel war es, weltweit eine sachkundige und urteilsfähige Öffentlichkeit herzustellen, die in der Lage wäre, die Politiker zu den richtigen Entscheidungen zu zwingen.

Als Instrument zur Weltverbesserung ist Google Earth, das seit 2005 im Netz ist, wohl kaum geeignet. Der virtuelle Globus entwickelt sich durch die ständige Anreicherung mit Street View, Google Ocean, Google Sky, Flugsimulator, Sonnenstands-, Niederschlags- und Zeitreisefunktion, historischen Karten, Reiseführern usw. eher zum Welt-Marktplatz. Den Kontrapunkt zur übersteigerten Wirklichkeit der kartographischen Repräsentationssysteme setzte bereits Herman Melville 1851 in seinem Roman Moby-Dick, als er über Rokovoko, die Heimatinsel des polynesischen Harpuniers Queequeg sagte: »It is not down in any map; true places never are.«

Man sieht nur,
was man weiß

1

Komparatistik:
Wie lang ist Chile?

Komparatistik: Wie lang ist Chile?

Geographisch wird die Erde mit Hilfe eines Koordinatensystems in eine westliche und eine östliche Hemisphäre eingeteilt. Die Zählung der Längengrade beginnt mit dem Nullmeridian von Greenwich nach Osten und nach Westen und endet bei 180°. Aus europäischer Sicht ist Chile mit seiner Lage in der westlichen Hemisphäre und einer geographischen Länge von ca. 64° West bis 76° West sehr weit von Europa entfernt. Eine Vorstellung von der Größe des Landes kann eine »graphische Komparatistik« vermitteln, indem Chile mit seiner Längenausdehnung von ca. 4.200 Kilometern auf den europäischen Kontinent gelegt wird, der von der portugiesischen Küste bis zum Ural ca. 6.000 Kilometer misst.

Die Erde wird auch in eine nördliche und südliche Halbkugel geteilt. Die Grenze bildet der Äquator mit einer geographischen Breite von 0°. Schon in der Antike stellte Claudius Ptolemäus Klimaveränderungen auf Grund der wachsenden Breitengrade bis hin zu den Polen fest. Das wirkt sich insbesondere auch in Chile aus, das sich von ca. 17° 30´ Süd bis ca. 56° Süd erstreckt. Großen Einfluss haben zudem das Hochgebirge der Anden mit bis zu 6.000 Meter Höhe und der kalte Humboldtstrom. In Europa dagegen hat der warme Golfstrom enorme Auswirkungen auf das Klima. Trotz der Unterschiede folgen sowohl in Chile als auch in Europa die subtropische, gemäßigte und subpolare Klimazone aufeinander. Aufgrund der unterschiedlichen Meeresströmungen sind sie jedoch um einige Breitengrade verschoben und die Kältepole liegen in Chile im Süden und in Europa im Norden. | WD

2

Egalitarismus:
Omnes viae

Egalitarismus: Omnes viae

Selbstverständlich führen alle Wege nach Rom, wenn man die 486 713 Orte im erweiterten Europa zielgerichtet verbindet.

Auf einer entsprechend konstruierten Karte führten auch alle Wege nach Pusemuckel, nur mit dem Unterschied, dass sie in der Klassifizierung innerhalb des Straßennetzes zum Ziel hin absteigen – von Autobahnen über Fern- und Landesstraßen bis zu Kreis- und Gemeindestraßen.

Solange ein Geburtstagsgeschenk aus Rom, mit der Adresse »Pusemuckel, Am Knüppeldamm« versehen, nicht mehr Portogebühren kostet und durchschnittlich nicht länger unterwegs ist, als eines aus Pusemuckel, adressiert mit »Roma, Campidoglio«, ist dem Europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK) Genüge getan, das einen Ausgleich räumlicher und struktureller Ungleichgewichte zwischen den europäischen Regionen anstrebt. | RS

3

Landschafts-
architektur:
Kritik der
Kammlagen

Landschaftsarchitektur: Kritik der Kammlagen

Dem TAUNUS kann man seine langatmigen Bergreihen gar nicht richtig übelnehmen, obwohl der lächerliche Altkönig und der weniger als mickrige Feldberg klar gegen sich selber aussagen. Stark finde ich dafür Kronberg und den Opel-Zoo, das Rauf und Runter wirkt hier nicht so gezwungen wie im Hintertaunus.

An der EIFEL nagen schon seit langem Zweifel, ob sie mit ihren respektablen Gebirgszügen nicht den völlig falschen Standort gewählt hat. Die barocken, fast femininen Erdwallungen aus dem Tertiär gehören eigentlich in wärmere Gebiete, wo es nicht so zieht. Die Schnee-Eifel (Schneifel) ist daher ein Widerspruch in sich.

Der HUNSRÜCK ist eine absolute Fehlbezeichnung, mit seinen dumpfen, zur Mosel hin reichenden Tälern und seinen matten Ausläufern in die PFALZ, die weiter nördlich auch mehr Profil aufzuweisen hätte. Zudem liegen beide Höhenzüge zu dicht nebeneinander, beeinträchtigen sich gegenseitig in ihrer Wirkung; in der norddeutschen Tiefebene dagegen würden sie ganz passable Akzente setzen. | MR

4

Dermatologie:
Verletzungen
der Erdhaut

Dermatologie: Verletzungen der Erdhaut

Der Abbau von mineralischen Ressourcen hinterlässt auf der Erdoberfläche vielfältige Wunden und Narben. Die Erdhaut reagiert langfristig auf artifizielle oder natürliche, tiefe Verletzungen in einem Heilungsprozess ähnlich wie die Menschenhaut, in dem sie die Wunden mit Wasser, Sedimenten oder Erdstaub füllt und meistens auch übergrünt (im medizinischen Sinn: Granulationsgewebe und Vernarbung als »Defektheilung«); manchmal bleibt sie aber auch »nackt«, wie auf dem Untersuchungsobjekt.

Analog zeigt sich hier aus dermatologischer Sicht ein scharf begrenztes, rundes bis elliptisches, trockenes und tiefes Ulcus, mit einem von der Oberfläche kaskadenartig abfallenden, grau-bräunlichen, auffällig breiten Ulcusrand. Am Grund ein homogener, glatter, anthrazit-gräulicher nekrotischer Belag. Kein Granulationsgewebe, keine Entzündungszeichen. Keine Anzeichen einer Revitalisierung. Bei 3 und 9 Uhr zipfelig ausgezogener Ulcusrand mit Narben bzw. Kallusbildung.

Die Ulcusumgebung ist trocken, mit einer Vielzahl teils konfluierenden, teils narbig durchzogenen, grünlichen bis bräunlichen, teils borkigen, schmutzigen Felderungen, die auf alte oder chronische Entzündungsprozesse oder eine »Defektheilung« in der Ulcusumgebung hinweisen. Strangförmiges Narbengewebe am Ulcusrand rechts.

Insgesamt ein ausgebrannter, avitaler Aspekt ohne Hinweise auf Sekundärinfektionen bzw. Entzündungsreaktionen, oder aktiv regenerative Prozesse. | WL

5

Geologie:
Punktierung des Erdkörpers

Geologie: Punktierung des Erdkörpers

Der »Vertikale Erdkilometer« ist in Schichten der Buntsandstein-Zeit (Untertrias) eingelassen und dokumentiert die Landschaftsentwicklung im Erdmittelalter während der Zeitspanne von etwa 248 bis 252 Millionen Jahren vor heute. Die Bohrproben und deren Beschreibung sind beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (www.hlnug.de) archiviert.

Unter 9 Meter mächtigem Lehm aus der Quartär-Zeit durchfährt der »Vertikale Erdkilometer« zunächst Gesteine des Oberen Buntsandsteins: bis in 155 Meter Tiefe reichende rotbraune und grüngraue, meist kalkhaltige Ton-Schluffsteine, in die im untersten Abschnitt auch Gips eingelagert ist. Diese Sedimente wurden unter trocken-heißem Klima am Rand eines übersalzenen, flachen Binnenmeeres abgelagert, das sich von Ostengland über Norddeutschland bis Ostpolen erstreckte.

Darunter erreicht der Messingstab Sandsteine und Ton-Schluffsteine des Mittleren Buntsandsteins. Diese Sedimente wurden von Flüssen abgelagert und zeugen von einem etwas feuchteren Klima. Kassel lag zu dieser Zeit in einer großen Flussebene, deren Flüsse ungefähr bei Göttingen in eine weite abflusslose Salztonebene (Playa) mündeten, die ganz Norddeutschland einnahm. Bei 828 Metern Tiefe wird die Grenze zum Unteren Buntsandstein erreicht. Die feinkörnigen braunroten, zum Teil kalkhaltigen Sandsteine und Ton-Schluffsteine sind Ablagerungen von Schichtfluten und flachen, sich häufig verlagernden Flüssen am Südrand der Salztonebene. | NHD

6

Mythologie:
Atlas

Mythologie: Atlas

Atlas (griech. für Träger) war einer der Titanen, die den Krieg gegen die olympischen Götter verloren hatten. Zur Strafe wurde er an den westlichsten Punkt der bekannten Welt verbannt, um den Himmel zu tragen, in das nach ihm benannte Atlasgebirge. Die Bezeichnung Atlas für Kartensammlungen in Buchform tauchte erstmals 1595 als Titel von Gerhard Mercators berühmtem Kartenwerk auf. Jedoch hatte der flämische Geograph nicht den Titan im Sinn, sondern einen mythischen mauretanischen König und Astronom gleichen Namens.

Von Anfang an hatten die Künstler Schwierigkeiten, sich diesen gelehrten König nicht als den bekannteren Titan vorzustellen. Als Kraftprotz zeigt ihn schon das Titelblatt von Mercators Atlas – und der Leser, der die Richtigstellung in der Vorrede überblätterte, wird den Himmelsträger als passenden Namensgeber für ein Buch empfunden haben, das die Welt in Form von Karten in sich trägt.

Auf den allegorischen Atlastitelblättern des 17. und 18. Jahrhunderts gehört Atlas zum Standardpersonal, doch trägt er in den seltensten Fällen eine Krone. Mercators humanistische Referenz war vergessen, und fast immer ist Atlas beim Tragen des Himmels zu sehen – veranschaulicht als Himmelsglobus, Tierkreis, Armillarsphäre oder sternenbesetzter Nachthimmel. Oft ist entgegen der mythologischen Vorlage ein Erdglobus zu sehen, da dieser besser zu den Erdkarten im Innern der Atlanten passte. Auf Romeyn de Hooghes Titelblatt schultert Atlas die in Sphären unterteilte Himmelskugel. Zugleich erscheint er als Personifikation des Atlasgebirges, aus dem sein Oberkörper emporwächst. | MB

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Architektur:
Überkuppelung
der Bergspitzen

Architektur: Überkuppelung der Bergspitzen

»Das Licht will durch das ganze All und ist lebendig im Kristall.« Der 1915 verstorbene Dichter Paul Scheerbart verfasste noch vor dem Ersten Weltkrieg seine Vision einer Glasarchitektur, die den jungen, aber schon erfolgreichen Architekten Bruno Taut wesentlich beeinflusste.

Taut, der 1914 erhebliche Bekanntheit mit dem für die Kölner Werkbund-Ausstellung konzipierten Glashaus erlangte, ließ sich während des Krieges von Scheerbarts Gedichten zu utopischen Entwürfen inspirieren, die in der Alpinen Architektur gipfelten. Als Initiator der Gläsernen Kette, eines Briefwechsels unter Künstlerfreunden, und späterer Herausgeber der mit expressiven Architekturgedanken aufgeladenen Frühlicht-Hefte, ersann Taut durch die Bekrönung der Alpen mit prismatischen Strukturen ausdrucksstarke Symbole für eine neue solidarische Gesellschaft. Farbiges Licht emittierende Kristalle auf den Berggipfeln wurden als friedensstiftende Kathedralen verstanden, ein aus Kunst, Architektur und Bautechnik geschaffenes phantastisches Gesamtkunstwerk.

Tauts Zeichnung, deren transparent alpine Bauskulpturen visionäre Denkmale der Versöhnung darstellen, lässt expressionistischen Impetus und leidenschaftliches Pathos erkennen. Diese und weitere Skizzen resultieren aus der Kompensation fehlender Berufsausübung. Als »imaginärer Architekt« rief er seinen Zeitgenossen 1920 emphatisch zu: »Tod allem Muffigen! Nieder mit allem Seriösen! In der Ferne glänzt unser Morgen. Hoch das Durchsichtige, Klare! Hoch die Reinheit! Hoch der Kristall!« | SO

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Philologie:
Gebirgs-
abtragung

Philologie: Gebirgsabtragung

Die im Heißen Sommer 1980 in Zürich erhobene Forderung zur Niederlegung der Auffaltungen zwischen eurasischer und afrikanischer Platte ist einen Frontalangriff auf das Schweizertum, zu dessen Markenkern die Alpen gehören. Der Slogan steht zum einen in einer lokalen Tradition, denn 1916 wurde im Züricher Cabaret Voltaire der Dadaismus geboren. Zum anderen knüpft er an den Mai 1968 in Paris an, als an der Mauer der Sorbonne geschrieben stand: »Soyons réalistes, demandons l’impossible« (Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche). Durch einen kulturellen Wärmeaustausch sollte das »Packeis« der Schweizer Verhältnisse zum Schmelzen gebracht werden.

Das mediterrane Lebensgefühl hatten die Eidgenossen in den Italienischen Kriegen (1494–1559) kennengelernt, an denen sie als Söldnertruppen teilnahmen, erst auf Seiten Frankreichs, dann auf Seiten des Papstes, den beiden Gegenspielern um die Vorherrschaft in Oberitalien. Die Herrschaft über Mailand von 1512 bis 1515 war der Höhepunkt der eidgenössischen Expansion in den Mittelmeerraum. Nach der Niederlage gegen Frankreich erhielt die Eidgenossenschaft im Friedensvertrag von 1516 die Gebiete des heutigen Tessin zugesprochen. Als Leib- und Palastwache des Papstes ist die Schweizergarde seit 1506 in Rom präsent. | RS

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Physik:
Zeitreise

Physik: Zeitreise

Der argentinische Schriftsteller César Aira erzählt in seiner Novelle Humboldts Schatten von 2000 (dt. 2003) von dem Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas, der sich 1837 in Argentinien aufhielt.

Die Karren mit Riesenrädern aus Johannisbrotbaum und Speichen dick wie Dachbalken inspirieren Rugendas zu einer Meditation über das Verhältnis von Gewicht und Geschwindigkeit: Bei minimalem Gewicht der zu transportierenden Last erreichten die Karren die maximale Geschwindigkeit und umgekehrt. Da die »Interpampatransporteure« angesichts der Flachheit des Geländes auf das Gewicht setzten, schafften sie auf der gut 1000 km langen Strecke von Mendoza nach Buenos Aires täglich 200 m, nein, nach einer Woche wären sie gerade einmal einen Steinwurf entfernt und versänken mit der Zeit unaufhaltsam im Horizont.

»Ihm war der Gedanke gekommen, dass es wie eine Zeitreise wäre. Wenn sie die Strecke im schnellen Schritt ihrer Pferde zurücklegten, würden sie unterwegs Karren einholen, die in anderen geologischen Zeitaltern aufgebrochen waren, vielleicht noch vor dem unvorstellbaren Beginn des Universums (er übertrieb), und selbst an diesen würden sie vorüberziehen auf ihrem Weg ins wahrhaft Unbekannte.« | RS

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Aufklärung:
Der Kuss
der Kontinente

Aufklärung: Der Kuss der Kontinente

Der Astronom Johannes Kepler fragte sich in seiner 1609 geschriebenen und 1634 postum veröffentlichten Erzählung Somnium sive Astronomia Lunaris (Der Traum oder Mond-Astronomie), welche Betrachtungen Mondbewohner über die Flecken auf der Erde anstellen könnten.

»Man erkennt im östlichen Teile das Bild eines bis an die Achseln abgeschnittenen, menschlichen Kopfes, dem sich ein Mädchen mit langem Gewande zum Kuss hinneigt, mit dem nach rückwärts lang ausgestreckten Arm eine heranspringende Katze anlockend.«

Das Mädchen ist nichts anderes als Europa, das sich mit Spanien als Kopf und Malaga als Kussmund zu Afrika hinüberneigt. Italien bildet den linken Arm und Britannien den rechten, mit dem das Mädchen die Katze Skandinavien anlockt.

Mehr Phantasie, als in Mondmeeren und Kratern ein menschliches Gesicht oder wie etwa in Japan einen Hasen zu sehen, bedarf es nicht, um die europäische Landkarte als Kuss der Kontinente zu lesen. | RS

Wanderer
am Weltenrand

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Vorsicht, Abyss!

Vorsicht, Abyss!

Das Frontispiz zum Atlas of Legendary Lands zeigt eine Küstenlandschaft, die wie eine Tischplatte an vier geraden Kanten endet. Links ergießt sich das Meer in den Abgrund. Zwei Segelschiffe werden von einem ungnädigen Windgott in Richtung der Kante geblasen. Unter der Erdoberfläche bewacht ein Drache den Abgrund. Der Holzschnittstil, das falsche Dürermonogramm »AD« rechts unten und die lateinische Bildunterschrift »Hic sunt dracones« gaukeln eine historische Abkunft des Bildes vor.

Die Darstellung setzt die vermeintlich mittelalterliche Vorstellung von der Erde als Scheibe dramatisch ins Bild. Tatsächlich stellte man sich bereits in der Antike die Erde als Kugel vor. Auch im christlichen Mittelalter blieb dieses Wissen lebendig, wenn man von wenigen randständigen Verfechtern einer Erdscheibentheorie wie Kosmas Indikopleustes oder Laktanz absieht. Die Legende, man habe sich die Erde im Mittelalter flach vorgestellt, wurde als neuzeitliche Erfindung entlarvt, die dazu dienen sollte, diese Epoche als finster, primitiv und wissenschaftsfeindlich zu verunglimpfen.

Der Drache und die Bildunterschrift zitieren einen weiteren Kartenmythos, demzufolge die Ränder der bekannten Welt auf mittelalterlichen Karten gern mit der Warnung »Hier sind Drachen« versehen worden seien. In Wirklichkeit lässt sich dieses Zitat nur zweimal und erst im frühen 16. Jahrhundert nachweisen, nämlich auf dem Hunt-Lenox-Globus in der New York Public Library und auf einem vom Kartenbild identischen Straußeneiglobus in Privatbesitz. | MB

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Die andere Apokalypse

Die andere Apokalypse

Eisschollen türmen sich zu einem fragilen Bauwerk der arktischen Natur. Scharfgratig-zackig beherrschen sie das Bild. Rechts die im Eis versunkenen Trümmer eines Segelschiffes: Teile des Hecks und der geborstene Mast.

Die Lesart des Gemäldes als ein Gleichnis auf das Scheitern hat sich an seiner bis 1965 aufgrund einer Verwechslung angenommenen Betitelung Die gescheiterte Hoffnung festgemacht. Vielmehr spitzt Caspar David Friedrich mit seinem Eismeer das Thema Landschaft im Wortsinne zu: auf die reine Naturgewalt der aufgebrochenen Eisschicht des Polarmeeres, das sich in spitzen Pfeilformationen bis in den verhangenen, am oberen mittigen Rand von einer fahlen Sonne erhellten Himmel aufgipfelt. In einiger Entfernung wiederholt sich das Eisgebilde.

Als Friedrich das Eismeer schuf, war die Suche nach der Nordwestpassage neuerlich aktuell geworden. Persönlich interessierte sich Friedrich dafür, was beim Kristallisieren von Wasser passierte und wie man das malen könnte. Der Winter 1820/21 bot ihm mit der bei Dresden komplett gefrorenen Elbe die konkrete Anschauung.

1823 malte Friedrich das Eismeer »lediglich aus Verlangen«. Ebenso hatte Petrarca mehr als 500 Jahre zuvor den Mont Ventoux aus rein ästhetischen Gründen bestiegen. Friedrich fasziniert die Wiedergabe dieser Landschaft, weil sie beängstigend schön ist. Mit Edmund Burkes Kategorie des Sublimen war es seit dem 18. Jahrhundert möglich geworden, auch am Unheimlichen und Irregulären Genuss zu empfinden. | KS

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Blick in den
Maschinenraum

Blick in den Maschinenraum

Dort, wo sich Himmel und Erde berühren, ist ein Wanderer in die Knie gegangen und durchstößt mit seinem Kopf das mit Sternen, Mond und Sonne besetzte Firmament. Was er dahinter zu sehen bekommt, lässt ihn die Hand in einer Geste maßlosen Erstaunens emporheben: in Sphären geordnete Wolkenbänder und nie gesehene Himmelskörper.

Der Holzstich im Stil einer Buchillustration des 16. Jahrhunderts, der gern für aus dieser Zeit stammend gehalten wurde, kann auf eine Vielzahl teils einander widersprechender Interpretationen zurückblicken. So sah man in ihm eine phantastische Darstellung des mittelalterlichen Weltsystems, aber auch ein Sinnbild von dessen Überwindung durch das heliozentrische Weltbild. Der hinter die bibelkonformen Kulissen von Erdkreis und Himmelsgewölbe blickende Mensch würde mit einem Ausblick auf die Himmelsmechanik und deren ohne göttlichen Impuls auskommende Bewegung belohnt. Insbesondere das seltsam verschränkte Doppelrad – das aus der Ikonographie der Hesekiel-Vision entlehnt wurde – legte offenbar den Vergleich mit einem Uhrwerk nahe.

Der Stich aus Camille Flammarions Buch illustriert eine Passage über einen mittelalterlichen Missionar, der behauptet hatte, einen Punkt gefunden zu haben, wo Himmel und Erde nicht verschweißt seien und er den Kopf hindurchgesteckt habe. Der Text bezieht sich auf einen Brief des Skeptikers François de La Mothe le Vayer, in dem dieser die Lügengeschichten mancher Reiseschriftsteller kritisierte. Der Stich erweist sich als Spottbild, das erst von seinem Entstehungskontext befreit zur Allegorie menschlichen Erkenntnisstrebens mutierte. | MB

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Von den Beharrungs-
kräften des Alten

Von den Beharrungskräften des Alten

»Nec fasces, nec opes, sola artis sceptra perennant« (Weder Ämter noch Macht, nur die Zepter der Wissenschaft werden überdauern) stand als Motto über dem Nordeingang des Observatoriums Stjerneborg, das sich der Astronom Tycho Brahe 1548 auf der dänischen Öresundinsel Ven errichten ließ.

Wie alle gebildeten Zeitgenossen kannte er das neue heliozentrische Weltbild, das der Astronom Nikolaus Kopernikus 1509 formuliert hatte. Brahes Messungen der Planetenpositionen sprachen für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems. Dennoch hielt er Zeit seines Lebens an der Vorstellung einer unbeweglichen Erde fest, wie sie von der katholischen Kirche als Lehrmeinung vertreten wurde. 1588 legte Brahe ein eigenes Weltmodell vor, das mit seinen Beobachtungen kompatibel war: Mond und Sonne sollten um die Erde kreisen, während sich Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn um die Sonne bewegten.

Johannes Kepler wurde 1600 Assistent von Brahe, der inzwischen Hofmathematiker von Kaiser Rudolf II. in Prag war. Als Brahe 1601 starb, übernahm Kepler dessen Datenmaterial und erkannte darin Gesetzmäßigkeiten, die das kopernikanische Weltsystem mathematisch bewiesen und später Keplersche Gesetze genannt wurden. Noch Ende des 17. Jahrhunderts benutzte Isaac Newton bei der Aufstellung des Gravitationsgesetzes Brahes Messergebnisse. | RS

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Im Innovations-
rausch

Im Innovationsrausch

Vier berühmte Astronomen: links Nikolaus Kopernikus (1473–1543) und Claudius Ptolemäus (um 100 – nach 160), rechts Johannes Kepler (1571–1630) und Tycho Brahe (1546–1601), in der Mitte ein Himmelsglobus, dahinter eine Landschaft mit Palmen. Kopernikus hält Ptolemäus am Arm und zeigt nach oben. Kepler weist auf Kopernikus, dessen heliozentrisches Weltsystem er mathematisch beweisen konnte, weil ihm das Buch mit Brahes astronomischen Daten zur Verfügung stand.

Am Himmel steht das kopernikanische Weltsystem mit den Planeten Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn, die sich konzentrisch um die Sonne bewegen und kleine Schatten werfen. Erde, Jupiter und Saturn haben ihre Monde. Zu sehen ist außerdem ein Komet mit seiner elliptischen Umlaufbahn um die Sonne. Das Planetensystem der Sonne ist aber nicht alleinstehend, sondern umgeben von vielen anderen Sternen mit drei bis sieben Planeten, die ebenfalls ihre Schatten werfen.

Eine Vielheit der Welten war in der Zeit um 1700 ein breit diskutiertes Thema und wurde von Philosophen wie Giordano Bruno, René Descartes oder Gottfried Wilhelm Leibniz zumindest nicht ausgeschlossen. Wenn die Erde schon nicht der Mittelpunkt des Universums war, warum sollte dann nicht auch ein Multiversum existieren? | RS

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Die Hölle nach
Maß und Zahl

Die Hölle nach Maß und Zahl

Galileo Galilei hielt 1588 an der Accademia Fiorentina einen Vortrag über die Topographie der Hölle und bestätigte die Annahmen, die Girolamo Benivieni 1506 in einer Zeichnung festgehalten hatte.

Folgende Daten hatte Dante von seiner Höllenfahrt mitgebracht: Der Radius des innersten Höllenkreises entsprach dem Abstand zwischen Luzifers Nabel und Brust. Dantes Körpergröße verhielt sich zu der eines Riesen wie ein Riese zu Luzifers Arm. Das Gesicht des Riesen Nimrod war so lang wie der bronzene Pinienzapfen vor Sankt Peter in Rom.

Der Zapfen war 5½ Ellen lang, Dante 3 Ellen groß. Nach der Proportionslehre entsprach die Körpergröße 8 Kopflängen, die Armlänge ⅓ Körpergröße und der Abstand zwischen Nabel und Brust ¼ Körpergröße. Danach betrug der Radius des innersten Höllenkreises 500 Ellen, also rund 300 Meter.

Die Form der Hölle entsprach einem trichterförmigen Loch, das bis zum Erdmittelpunkt reichte, an der Basis so groß wie ein Kreis um Jerusalem mit einem Radius, halb so groß wie die Strecke von der Erdoberfläche zum Erdmittelpunkt.

Was die Lage des Eingangs betrifft, so bestätigten Galileis Berechnungen, was Dantes Reiseführer Vergil schon im letzten Jahrhundert vor Christus gewusst hatte: Der Ort unweit von Neapel, an dem es in die Unterwelt gehen soll, lag ebenso auf dem Kreis des Höllentrichters wie der Ätna, der aus naheliegenden Gründen ebenfalls als Eingang zur Hölle galt. | RS

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Der Himmel
ist ein Strom

Der Himmel ist ein Strom

Das Meer wird süß, wenn es gen Himmel steigt.

Die Wolken sind Wanderer. Sie würden nicht wandern, wenn sie nicht Schaumkronen wären auf Flüssen.

Treibeisschollen im Aufbrechen und Abteilen sehr ähnlich Schäfchenwolken – als wäre in Höhe der Atmosphäre immer Polargebiet.

Wolken recht betrachtet sind Berge der Luft. Auch auf den Wolken gibt es Wasserscheiden. In der Wolke wird die Luft zu Land oder Kontinent.

Die Welt als Basilica. Durch die Cumuli wird der Himmel zum Säulenbau.

Die Wolken sind Völkerwanderungen von Tropfen. Regen ist Landnahme.

Wenn die Wolke mutig wird, regnet sie. (Sie bricht den Widerstand der Warmluft, der sie auflösen will.)

Die Wolken im Ziehen sich langsam verändernd – Gedanken der Luft.

Die Wolke ist das universale Sinnbild: immer Ruine – sie ist Prozess, nicht Produkt.

Die Wolken, die Wolken, sie sind das letzte im Leben. | HJW

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Der blaue
Planet

Der blaue Planet

Die Dominanz des Himmelblaus in der Vorstellungswelt der Menschen verhinderte lange Zeit einen assoziativen Brückenschlag zwischen Farbe und Planeten. […] Zu den ersten, die die Töne des Farbenkreises und die Planeten des Sonnensystems systematisch zueinander in Beziehung setzten, zählt der Nürnberger Erasmus Francisci (1627–1694). »Der blaue Farben Planet« war für den polyglotten Schriftsteller nicht etwa die Erde, sondern deren großer Bruder: Jupiter. […]

Bernardin de Saint-Pierre (1737–1814) dürfte der erste gewesen sein, der darüber Spekulationen anstellte, wie sich die Welt vom All aus dem menschlichen Auge darbieten könnte. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Frage, wie es dazu komme, dass der Planet Mars von der Erde aus gesehen in rotem Licht erstrahle, und was uns dieses Farbenlicht über die Beschaffenheit des Planeten verraten könnte. Schließlich kehrte Saint-Pierre die Wahrnehmungsrichtung um und dachte darüber nach, welches Bild die Erde von ihrem Nachbarplaneten aus bieten würde und welchen Einfluss Weltmeere und Urwälder auf ihre farbliche Erscheinung haben könnten.

Der gründerzeitliche Wissenschaftsesoteriker Camille Flammarion (1842–1925) bezog die von John Herschel (1792–1871) in die astronomische Literatur eingeführte Wendung vom »blauen Planeten« erstmals auf die Erde. Sein Begriff »planète azurée« konnte sich nicht durchsetzen. Den Durchbruch brachte die amerikanische Übersetzung mit »Blue planet«. | FR

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Die zweite Erde

Die zweite Erde

1987–89 versuchten sich der Milliardär Edward Bass, der Elektroingenieur Bernd Zabel und der Systemökologe John Allen als Weltenschöpfer. In Oracle, Arizona, errichteten sie einen nahezu 13.000 m² großen, bis zu 28 m hohen und 204.000 m³ umfassenden Gebäudekomplex mit einem sich selbst erhaltenden Ökosystem. Mit dem Versuch sollte die Möglichkeit langfristigen künstlichen Daseins demonstriert werden.

Als verkleinertes Ebenbild der originalen Erde vereinte Biosphäre 2 einen Mikrokosmos unterschiedlichster Lebensräume unter einem Dach: (Sub-)Tropen, Regenwald, Mangrovensumpf, Weltmeer, Wüste, Ackerland, Wasserfall oder Korallenriff – bewohnt von Musterexemplaren, als hätte der biblische Urvater Noah sie für seine Arche ausgewählt.

Acht Bionauten sollten in ihrer künstlichen Unter-Glas-Welt ohne den Austausch von Materialien autonom existieren. Luft und Wasser mussten sich im abgedichteten Kreislauf selbst regulieren. Allein echtes Sonnenlicht drang von außen durch die 6.500 Glasscheiben der Gebäudekuppel und konnte von den in der Biosphäre lebenden, chlorophyllhaltigen Organismen genutzt werden. Von außen zugeführte, elektrische Energie betrieb Pumpen, Filter, Ventilatoren und Computer.

Zwei Jahre lang konnte Biosphäre 2 sich halten, obgleich die Luft allmählich knapp wurde, während sich Kakerlaken, Gelbe Spinnerameisen und die Himmelblaue Prunkwinde rasant vermehrten. Als ein Unfall schließlich einen Materialaustausch zwischen den Welten erforderte, musste die zweite Erde kapitulieren. | KS

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Die Harmonie
der Welt

Die Harmonie der Welt

Was dem Musikkenner als selbstverständlich gilt, kann stets aufs Neue in Erstaunen versetzen: Vergrößern wir den Abstand zweier Töne vom Einklang ausgehend, so durchstreifen wir Phasen mehr oder weniger ausgeprägter Konsonanzen und Dissonanzen, bis wir schließlich unversehens auf jenes Phänomen stoßen, das trotz Distanz dem Einklang täuschend ähnelt: das »Wunder der Oktav« (August Halm).

Wird man dann noch gewahr, dass diese eigenartige Wiederkehr – die Farbenlehre etwa kennt keine Entsprechung – mit einer einfachen mathematischen Proportion koinzidiert, dergestalt, dass die Oktav exakt die halbe schwingende Saitenlänge des Grundtons aufweist, dann wird jene Ur-Erfahrung greifbar, die Ästhetik, Mathematik und Kosmologie, menschliches Harmonieempfinden und rationale Weltbetrachtung seit Pythagoras und Platon zur Einheit bringt, zudem der Musik ihren Platz im Quadrivium der freien Künste neben der Astronomie zuwies. Denn die Proportionen musikalischer Harmonie wurden nicht zuletzt auf die Sphären der Himmelskörper übertragen.

Auch wenn das antike Weltbild in der frühen Neuzeit eine Revision erlebte, hielt gerade Kepler an der Idee einer Weltharmonie fest. Auf sein naturphilosophisches Hauptwerk Harmonices Mundi bezieht sich auch Laurie Spiegel (* 1945) in ihrem elektroakustischen Werk Kepler’s Harmony of the Worlds. Ein Teil des 10-minütigen, in pulsierenden Auf- und Abwärts-Glissandi radikal vereinfachend aus der Bewegung der Planeten abgeleiteten Stücks (gewissermaßen in extremer Zeitlupe sich überlagernde Sinusschwingungen) wurde als Exponat menschlichen Denkens für die Golden Record ausgewählt. | JPM

Kartenwelten

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Das Logo der Erde

Das Logo der Erde

Die erste gedruckte Karte des Abendlandes zeigt die Erde als graphisches Zeichen. Asien, Europa und Afrika sind zu Halbkreis bzw. Viertelkreisen abstrahiert. Die Karte vertritt den T-O-Typus, da sich der umgebende Weltozean sowie die Gewässer zwischen den Kontinenten zu einem O mit einbeschriebenem T formieren. Gern wurde in den beiden Buchstaben das Kürzel für Orbis Terrarum (lat., Erdkreis) gesehen. Schon in der Antike wurde die Ökumene (altgriech., bewohnte Welt) in drei Weltgegenden aufgeteilt. Im christlichen Mittelalter setzte man die drei damals bekannten Kontinente zur biblischen Genealogie in Beziehung, indem man deren Bewohner als Nachkommen von Noahs Söhnen Sem (Asien), Ham (Afrika) und Japhet (Europa) ansah.

Günther Zainers Weltkarte ist entsprechend beschriftet. Als Kontinentgrenzen sind das Mare Mediterraneum sowie ein Mare Magnum zu erkennen, hinter dem sich – wie andere T-O-Karten zeigen – eigentlich der Don zwischen Europa und Asien sowie der Nil zwischen Asien und Afrika verbergen. Wie bei mittelalterlichen Weltkarten üblich, befindet sich Osten oben. Das erklärt sich aus der besonderen Bedeutung dieser Himmelsrichtung, in der man das irdische Paradies vermutete, wo Christus zum Himmel fuhr und wo die Sonne aufgeht.

Nach dem Erscheinen der Karte sollte es nur noch zwei Jahrzehnte dauern, bis die bibelkonforme Drei-Kontinente-Welt durch Kolumbusʼ Entdeckung eines neuen Erdteils fragwürdig wurde. | MB

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Politische
Kartenkunde

Politische Kartenkunde

Sprungbereit, mit erhobener rechter Tatze und drohend geöffnetem Maul schaut der Löwe nach Osten, während sein Rücken die niederländische Küstenlinie markiert und der Schweif nach England hineinragt. Sein Körper ist über die Karte der 17 Provinzen der Vereinigten Niederlande gelegt, die in der gängigen lateinischen Übersetzung nach der römischen Provinz Belgica benannt wurden.

Die erste Darstellung der Niederlande als Leo Belgicus stammt aus Michael von Aitzings Geschichtswerk De leone Belgico (Der belgische Löwe) von 1583. Damals befanden sich die protestantischen nördlichen Provinzen seit 15 Jahren im Aufstand gegen die spanische Herrschaft. Der Löwe ist das Wappentier mehrerer niederländischer Provinzen und Wilhelms I. von Oranien, seit 1559 spanischer Statthalterin in den Niederlanden, ab 1568 Anführer des Widerstands gegen die Spanier und 1584 von einem katholischen Fanatiker ermordet.

Aitzings Löwe stellt den Konflikt aus spanischer Sicht dar und beschwört symbolisch die Einheit der Niederlande. Der Schweif verweist auf die Unterstützung der englischen Katholiken durch Spanien sowie auf die englische Hilfe für die aufständischen Niederländer. Der allegorische Löwe sollte deren 80-jährigen Unabhängigkeitskrieg begleiten: Zum Waffenstillstand 1609 wurden die 17 Provinzen friedlich in sitzender Pose dargestellt. Zur de facto Unabhängigkeit der Nördlichen Provinzen von 1625 erschien ein separater Leo Hollandicus mit abwehrbereitem Schwert, der 1648 nach der offiziellen Anerkennung der Niederlande im Westfälischen Frieden neu aufgelegt wurde. | RS

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Schräge
Heimatkunde

Schräge Heimatkunde

Die neue Werkserie von Jed Martin in Paris

Die Initialzündung zu dieser neuen Art der Landschaftsfotografie hatte der Künstler in einer Autobahnraststätte beim Kauf einer »Départementalkarte« im Maßstab 1 : 150.000 von Michelin. Bei ihrem Entfalten fühlte er sich nach eigener Aussage hingerissen von ihrer Erhabenheit und dem erzählerischen Reichtum dieser Straßenkarte und beschloss, diesen nützlichen Reisebegleiter in Kunst zu überführen. Und zwar mittels der Fotografie. Aber nicht mehr wie bei seinen früheren Industriefotografien á la Renger-Patzsch mit einer analogen, sondern nun mit einer digitalen Kamera. Damit das nun aber keine platte 1 : 1 Überführung von einem Medium in ein anderes wird, kippte er bei seinen Aufnahmen die Kamera um 30 Grad aus der Horizontalen und konzentrierte sich auf Kartenausschnitte. Das führt zwar zu mehr Tiefenschärfe und lässt landschaftliche Details irgendwie plastischer hervortreten, aber dass diese Karten interessanter sein sollen als das Gebiet selbst, wie es der Ausstellungstitel verheißt, bleibt ein uneingelöstes Versprechen.

Den kargen Ausstellungsräumen in der Pariser Michelin-Verwaltung (sic!) verleihen die 30 aufgeblasenen Abzüge seiner topografischen Verfremdungen zwar einen schillernden Glanz, weil Martin mit Farbfiltern arbeitet, aber die Bilder selbst verharren letztlich in einer seltsam dumpf tümelnden Liebe zur eigenen Scholle, wie ich sie nur noch aus dem einstigen Heimatkundeunterricht kenne. | CV

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Himmel und Erde (handlich)

Himmel und Erde (handlich)

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war es möglich geworden, sich Himmel und Erde in die Tasche zu stecken. Die handliche Erfindung der Taschenglobuli von Joseph Moxon (1627–1691), die mit dem Aufstieg des British Empire zur Weltmacht als Modeaccessoire bei Londoner Gentlemen beliebt wurden, wiederholte George Adams d. J. (1750–1795). Zusammen mit seinem Bruder Dudley führte er als Königlicher Globen- und Instrumentenmacher den berühmten Betrieb seines Vaters, George Adams d. Ä., weiter.

Aus 12 Papiersegmenten, die mit zwei Polkalotten zu einer Kugel verklebt wurden, stellte Adams d. J. einen billardkugelgroßen Taschenglobus her. Er zeigt die weitgehend korrekten Kontinentumrisse, Längen- und Breitengrade, Äquator, Wendekreise und Ekliptik sowie das nach damaligem Wissen kartierte Alaska, das nördliche Kanada und Neuguinea. Zudem lässt der Globus auf einer gepunkteten und mit Rot unterlegten Linie den Kurs nachverfolgen, den der britische Admiral George Anson in den Jahren von 1740 bis 1744 bei seiner Weltumsegelung genommen hatte.

Das Globusbällchen passt sich in ein ebenso kugeliges Lederetui ein. Geöffnet lässt es den Betrachter eintauchen in das nächtliche Universum. In fein koloriertem Kupferstich zeigen die Innenwände Nord- und Südhimmel und deren durch die entsprechenden Figuren kenntlich gemachten Sternbilder. | KS

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Weltkarte
(begehbar / bewohnbar)

Weltkarte (begehbar / bewohnbar)

Architektur ist künstlich. Architektur ist ein Medium, weil sie einen Austausch zwischen dem Menschen und seiner Umwelt herstellt. Die ersten Architekturen sind bewusst gesetzte materielle Zeichen in der Landschaft. Als Basis dient die Erdoberfläche.

In STONEHENGE chiffriert die äußere Form (konzentrische Kreise) beobachtete astrologische Zusammenhänge. Die NASCA-LINIEN in Peru sind (aus dem Weltraum betrachtet) abstrakte Abbilder des mythologischen Weltbildes. Für die Akteure auf der Weltoberfläche stellten sie eine konkrete Handlungsanweisung dar, sind sie doch definierte Prozessionswege. ARCHITEKTUR ALS RELIGIÖSER AKTIONSRAUM.

Die GARTENARCHITEKTUR des Barock ist als sinnliches Erlebnis – als »Arkadien« – geplant. Der Mensch wird als »Kamera« aufgefasst, der sorgfältig definierte Blickabfolgen durchschreitet. ARCHITEKTUR ALS SINNLICHER AKTIONSRAUM.

Die WORLD MAP at LAKE KLEJTRUP ist verspielter: Das bekannte Abbild der Erde im Kleinformat wird körperlich erfahrbar durchwandert. Eine »Weltreise« als gemeinschaftliche Freizeitgestaltung, als Vergnügen. ARCHITEKTUR ALS SPIELERISCHER AKTIONSRAUM.

The WORLD ISLANDS in Dubai kann man als konsequente architektonische Interpretation des 21. Jahrhunderts sehen. Das gebaute Abbild der Erde ist nur virtuell oder gefiltert erfahrbar: per Google-Earth oder beim Landeanflug. Gelandet erlebe ich beim Durchfahren Gleichförmigkeit, Segregation und ökologisches Desaster. Schade, mögen wir Menschen doch Bilder und Symbole. | CA

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Karte (1:1)

Karte (1:1)

»Wie nützlich doch eine Taschenkarte ist!«, merkte ich an.

»Das haben wir auch von Ihrer Nation gelernt«, sagte Mein Herr, »das Kartenmachen. Aber wir haben es darin viel weiter gebracht. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Karte, die noch brauchbar ist?«

»Zehn Zentimeter auf einen Kilometer.«

»Nur zehn Zentimeter!«, rief Mein Herr aus. »Wir waren bald bei einem Meter auf einen Kilometer. Danach nahmen wir uns hundert Meter auf einen Kilometer vor. Und dann hatten wir eine grandiose Idee! Wir machten eine Karte des Landes im Maßstab einen Kilometer auf einen Kilometer.«

»Haben Sie sie häufig benutzt? «, wollte ich wissen.

»Sie wurde noch nie ausgebreitet«, sagte Mein Herr. »Die Bauern haben Einspruch erhoben. Sie sagten, sie würde das ganze Land bedecken und kein Sonnenlicht mehr hereinlassen! Also benutzen wir jetzt das Land selbst als seine eigene Karte, und ich kann Ihnen versichern, das ist fast genauso gut. Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen. Was ist die kleinste Welt, auf der Sie leben möchten?«

»Das kann ich Ihnen sagen«, rief Bruno, der aufmerksam zugehört hatte. »Ich hätte gerne eine klitzekleine Welt, gerade groß genug für Sylvie und mich.«

»Dann müssten Sie auf gegenüberliegenden Seiten stehen«, sagte Mein Herr, »und könnten Ihre Schwester niemals sehen.« | LC

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Weltkarte
(Remix)

Weltkarte (Remix)

Nach der Internationalen Kartographischen Vereinigung ist eine Karte eine »versinnbildlichte Repräsentation geographischer Realität, die auf der Kreativität eines Kartographen […] beruht und bestimmte Aspekte und Charakteristika darstellt, um räumliche Beziehungen abzubilden«.

Jiří Kolářs Karten-Collage ist eine bildnerische Kombination vorgefundenen Kartenmaterials. Es handelt sich insofern um eine Repräsentation geographischer Realität, als die einzelnen Gebiete der neu geschaffenen Welt gemäß den Farbflächen zusammengesetzt sind, die das Land in einzelne Höhenregionen gliedern. (Konventionell steht grün für Tiefland, hellbraun für Hügel- oder Bergland, braun für Mittelgebirge und dunkelbraun und weiß für Hochgebirge.) Statt räumliche Beziehungen zwischen Orten verschiedener Höhenregionen abzubilden, werden Orte gleicher Höhenregionen zueinander in Beziehung gesetzt.

Darüber hinaus besticht Jiří Kolářs Weltkarte dadurch, dass sie, wenn auch nicht auf markierte Grenzziehungen verzichtet, diese aber ins Leere laufen lässt, so dass sich für die Bewohner der neuen Welt immer ein Weg findet, ohne Grenzüberschritt ins Nachbargebiet zu gelangen. | RS

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Lieblingskarten-
projektionen

Lieblingskartenprojektionen

Mercator: Du bist kein richtiger Karten-Fan.

Van der Grinten: Du bist kein komplizierter Mensch. Du magst die Mercator-Projektion. Wenn sie nur nicht viereckig wäre! Die Erde ist kein Viereck, sie ist ein Kreis. Du magst Kreise. Heute wird ein schöner Tag.

Dymaxion: Du magst Isaac Asimov, XXL-Metasprache und Schuhe mit Zehen. Du findest es unfair, was man über Segways sagt. Du hast eine 3D-Brille, mit der du dir Modelle besserer 3D-Brillen anschaust. Du schreibst mit der Dvorak-Tastatur.

Winkel-Tripel: National Geographic übernahm die Winkel-Tripel-Projektion 1998, aber du warst schon ihr Fan, lange bevor Nat-Geo herauskam. Du machst dir Sorgen, das W-T bald ausgedient hat und denkst daran, zu Kavrayskiy überzugehen. Du hast mal angeekelt eine Party verlassen, als ein Gast in Schuhen mit Zehen auftauchte. Dein Lieblingsgenre ist »Post-«.

Hobo-Dyer: Du willst Kulturimperialismus vermeiden, hast aber Übles über die Gall-Peters-Projektion gehört. Du bist konfliktscheu und kaufst Bio. Du benutzt geschlechtsneutrale Endungen und bist überzeugt, die Welt braucht eine Bewusstseinsrevolution.

Waterman Butterfly: Was, du kennst die Waterman? Hast du die Cahill-Karte von 1909 gesehen? Die basiert auf… Wow, Du hast eine gerahmte Reproduktion zuhause hängen! Komm, vergiss die Fragen. Hast du heute Abend schon etwas vor? | UA

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Kartographischer
Ruhm

Kartographischer Ruhm

Wem es gelang, sich als Entdecker und Namensgeber eines geographischen Ortes in einen bis dato weißen Flecken auf der Landkarte einzuschreiben, sicherte sich ein bleibendes Andenken – wie etwa der Florentiner Amerigo Vespucci mit Amerika, der Niederländer Abel Janszoon Tasman mit Tasmanien oder der Brite Cecil Rhodes mit Rhodesien.

Der russische Polarforscher Jakow Sannikow entdeckte 1811 bei einer Expedition zur Kartierung der Neusibirischen Inseln das nach ihm benannte Sannikow-Land (Zemlya Sannikova). Die als eisfrei beschriebene Insel stützte die damalige Hypothese einer schiffbaren Zone rund um den Nordpol. Der Balte Eduard von Toll, der die Insel bereits 1886 und 1893 gesichtet zu haben glaubte, versuchte 1901 vergeblich, die Existenz von Sannikow-Land zu beweisen. Die Expedition scheiterte, die Teilnehmer verschwanden spurlos. Eine Rettungsexpedition fand nur die Tagebücher.

1937 fand der sowjetische Eisbrecher Sadko nur Eis, wo eine Insel hätte sein sollen. Erklärungsversuche, wie es zur vermeintlichen Entdeckung von Sannikow-Land durch zwei renommierte Polarforscher kommen konnte, reichen von Luftspiegelungen bis zu Sandspülungen. Heute geht man davon aus, dass die Insel tatsächlich nie real existierte. Die imaginäre Insel inspirierte den russischen Geologen und Autor Wladimir Obrutschew 1926 zu dem Science-Fiction-Roman Das Sannikowland, der 1973 verfilmt wurde. | RS

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Die Karte
bleibt im Kopf

Die Karte bleibt im Kopf

Im Mittelalter gab es keine Straßenkarten. Die befestigten Städte fungierten als Zeichen einer virtuellen Karte. Die Stadttore waren nach Himmelsrichtungen oder Zielorten benannt und machten die Stadt zum Knotenpunkt einer Karte im Kopf. So kam man etwa vom Westerntor in Paderborn zum Ostentor in Dortmund, von dort durch das Westentor weiter nach Essen, wo das Limbecker Tor nach Duisburg im Westen und das Kettwiger Tor nach Köln im Süden wies. Die Knotenpunkte ergänzten sich zu einem Netz, das die relative Lage der Städte als kognitives Repräsentationssystem abbildete.

Im Gefolge von Erhard Etzlaubs Landstraßenkarte des Hl. Römischen Reiches von 1501 und den im 17. Jh. erscheinenden Postroutenkarten entstand in den 1960er-Jahren der Autoatlas. Wer aus östlicher Richtung über Hannover das Kamener Kreuz erreichte, wusste, dass die A2 weiter nach Westen Richtung Oberhausen führt, die A44 nach Südosten Richtung Kassel, die A1 nach Norden Richtung Münster und nach Südwesten Richtung Köln, wo man auf das Westhofener Kreuz stoßen würde, das einen auf der A45 nach Süden Richtung Frankfurt brächte.

Seit die Autos mit Navis ausgerüstet sind, befürchtet man den Verlust der räumlichen Orientierung: Die Autofahrer hätten nur noch die Route vor Augen. Die Angst ist unberechtigt, weil die vorgeschlagenen Routen sich mit der Zeit überlagern, kreuzen und ergänzen, so dass ein kognitives Netz entsteht. Verloren gehen mag allenfalls die Kulturtechnik des Kartenlesens. | RS

Für
wenn
mal
eröffnet
wird

Rolf Schönlau – Für wenn mal eröffnet wird

»Himmel und Erde« könnte es heißen, nach dem traditionellen Rezept mit Äpfeln und Erdäpfeln, wäre da nicht die Blutwurst oder Bratwurst, die je nach Region zu Kartoffelpüree und Apfelmus gereicht wird. Dann lieber wie das Hüpfspiel, das jedes Kind kennt: »Himmel und Hölle«. Oben und unten, über unseren Köpfen und unter unseren Füßen, Astronomie und Geologie.

Dazwischen hätte die Geoästhetik ihren Platz, gekennzeichnet durch die Verschränkung von Kunst und Wissenschaft, von poetischem Denken und nüchternen Befunden. Dass bestimmte Produkte, die im Zuge der Globalisierung weltweit verfügbar sind, wie etwa Smartphones oder Sneakers, eine transnationale oder transkulturelle Ästhetik hervorgebracht haben, gehört nicht dazu. Geoästhetik ist die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung, die sich auf den Planeten Erde bezieht.

Eine Ausstellung mit 3 Abteilungen zu je 10 Exponaten. Warum nicht 9, nicht 11 oder 17? Ob die runde Zahl verdeutlichen soll, dass etliche Aspekte berücksichtigt wurden, aber längst nicht alle? Aber ja! Die gedachten Besucher wären aufgefordert, die Ausstellung imaginär um weitere Exponate zu ergänzen, vorhandene zu streichen, gegebenenfalls durch besser geeignete zu ersetzen oder auch zwischen den Abteilungen zu verschieben.

Hingewiesen werden müsste auch darauf, dass erklärende Texte für gewöhnlich den Zweck haben, die Besucher auf den Wissenstand der Kuratoren zu heben. Die Geoästhetik aber bewusst von dieser Praxis abrückt und Exponat und Begleittext als gleichrangige Komponenten behandelt, die sich gegenseitig erklären, kommentieren und deuten.

Inhaltlich begründet wird das durch den exzentrischen Blick auf die Erde, den die Ausstellung vermittelt – sei es von hoch oben, tief unten oder weit draußen. Auch im übertragenen Sinne, denn wohlweislich werden abseitige Disziplinen mit ihren fachfremden begrifflichen Instrumentarien auf Exponate angesetzt, etwa ein Dermatologe auf Verletzungen der Erdhaut, ein Landvermesser auf die Hölle oder ein Typologe auf Kartenprojektionen.

Daraus ergibt sich im gelungenen Fall eine neue Sichtweise. Wobei der Erkenntnisgewinn nicht unbedingt spontan erfolgt, denn die Suche nach neuen Lösungen geht nicht notwendigerweise von einer Aufgabenstellung aus, für die eine Lösung gefunden werden muss. Beim Forschen und Erfinden gibt es nicht selten die umgekehrte Vorgehensweise, im Nachhinein Aufgaben für eine bereits gefundene Lösung zu suchen.

Systemwechsel, das wäre ein starker Punkt, gewähren einen tiefen Einblick in die Bedingungen der Weltwahrnehmung. Unterschiedliche Wahrnehmungshorizonte könnten am Bespiel zweier Vulkanausbrüche vorgeführt werden – dem des Tambora 1815 und des Krakatau 1883, beide in der außerordentlich instabilen tektonischen Zone des heutigen Inselstaates Indonesien. Bei beiden Eruptionen wurden Staub- und Aschepartikel in großen Höhen rund um den Erdball verteilt, so dass sich die Sonne verfinsterte und es in Europa und Nordamerika zu Ernteausfällen und Hungersnöten kam.

In Unkenntnis der globalen Wirkungsketten reagierten die Menschen auf das sog. Jahr ohne Sommer 1816 mit Bittprozessionen und Gottesdiensten. Im Grunde genauso wie 200 Jahre zuvor, als in Ligurien Saharastaub niederging, der europaweit als Blutregen und Zeichen der nahenden Apokalypse gelesen wurde. Angebracht wäre vielleicht auch der Hinweis auf William Turner, der nicht wusste, dass die spektakulären Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge in ganz Europa von Aerosolen hervorgerufen wurden, die nach dem Ausbruch des Tambora über lange Zeiträume in der Stratosphäre schwebten.

Als 1883 der Krakatau ausbrach und einen Tsunami auslöste, waren dagegen große Teile der Erde durch ein dichtes Telegrafennetz verbunden. Weltweit beobachtbare Phänomene konnten in einen ursächlichen Zusammenhang mit der Eruption gebracht werden – der Knall, der über den ganzen indischen Ozean bis Westaustralien und Madagaskar zu hören war; die Druckwelle, die mehrmals den Globus umkreiste; der Meeresspiegel, der noch bei Kap Hoorn und im Mittelmeer angehoben wurde; die Atmosphäre, die sich für Jahre eintrübte.

Der Sprung in die Gegenwart der gedachten Ausstellungsbesucher käme mit dem Verweis auf die globalen Märkte, auf ihre digitalen Echtzeitverbindungen und die weltweite Mobilität. Ereignisse wie die Finanzkrise 2008 oder jüngst die Coronavirus-Pandemie hätten überdeutlich gemacht, wie alles mit allem zusammenhängt. Die Frage, mit der der Meteorologe Edward N. Lorenz 1972 einen Vortrag über Wettervorhersage eröffnete, ist längst beantwortet: Natürlich kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien (im Original: einer Möwe) in Texas einen Tornado auslösen.

Um die Urgewalt kosmischer Phänomene vor Augen zu führen, könnte der Vortragende schildern, wie er einmal mitten in der Nacht allein an einem griechischen Strand aufwachte und irritiert zum Mond blickte, vor den sich etwas Schwarzes schob, nicht langsam und nicht schnell, und dass er dabei bemerkte oder zu bemerken glaubte, wie verstört die ganze Natur war – bis sich endlich die erlösende Erkenntnis einstellte, dass er eine Mondfinsternis miterlebte.

Ein Begriff, der Mensch und Erdgeschichte zusammenbringt, dürfte im Eröffnungsvortrag zur Geoästhetik-Ausstellung nicht fehlen – das Anthropozän, vom Nobelpreisträger für Chemie Paul Crutzen 2002 vorgeschlagen, um das menschengemachte Erdzeitalter zu benennen, das nach rund 10.000 Jahre Holozän eingesetzt haben soll. In dem der Mensch eben nicht erschien, wie unbedingt klarzustellen wäre, denn die Erzählung von Max Frisch heißt nur so. Der Neandertaler und der Homo sapiens tauchten bereits im Pleistozän auf, dem vorangegangenen geologischen Zeitabschnitt.

Der Beginn des Anthropozän wird von den Geologen um die Mitte des 20. Jahrhunderts angesetzt, als Marker dient die exponentielle Zunahme von freigesetzten Radionukliden durch Atombombenexplosionen. Doch schon seit Beginn der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren ist der Mensch als geologischer Faktor anzusehen. Plastikabfälle im pazifischen Marianengraben, dem tiefsten Punkt der Erde, Aberhunderte von Sauerstoffflaschen in der Todeszone des Mount Everest, ihrem höchsten Punkt, oder die Handbestäubung auf chinesischen Obstplantagen als Folge des Bienensterbens wären drei sinnfällige Beispiele dafür, dass die Natur des Erdkörpers in Abhängigkeit zur Kultur geraten ist.

Als abschließende Bemerkung würde sich ein Ereignis aus der jüngsten Vergangenheit anbieten, der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im April 2010 und die darauf folgende Einstellung des Flugverkehrs über Nord- und Mitteleuropa. Dank der Asche, die aus einem – gestische Gänsefüßchen – »Tor zur Hölle« bis hoch in die Stratosphäre gelangte, war tagelang ein Himmel ohne Kondensstreifen zu sehen.

Bleibt die Frage, ob es nicht Personen gäbe, reale oder fiktive, die der Geoästhetik ein Gesicht geben könnten? Da wäre zum einen die erdbebensensible Charlotte King zu nennen. »Äh. Linke untere Rippe und Rücken schmerzen wieder. Das ist Ozeanien, wahrscheinlich Neuseeland, Australien«, wird sie in The Whole Earth, einem Ausstellungskatalog aus dem Berliner Haus der Kulturen der Welt von 2013 zitiert. Der Schriftsteller Kodwo Eshun berichtet dort von ihrer mutmaßlichen Fähigkeit, »in niedrigen Frequenzen zu lauschen und Zeit und Ort [eines Schmerzes] mit Datum und Raum eines [seismischen] Ereignisses in Verbindung zu bringen.«

Ein weiterer Weltwahrnehmungskünstler wäre in Peter Handkes Erzählung Die Morawische Nacht von 2008 zu finden. »Wenn du wüßtest, in wieviele Gegenden ich allein heute abend, bei der Arbeit in der Küche, da und dort in meinem Körperinneren eingekehrt bin!«, sagt der Bruder des Erzählers. »Er glaubte, sämtliche Orte des Planeten, wo er jemals gewesen war, in sich gespeichert – nicht im Gedächtnis, sondern im Körper.«

Nachwort
des
Hiberniers
Simon Reese

Nachwort des Hiberniers Simon Reese

21. August ≙ 73 a. H. (ante Hibernatum)

Auszug aus: Rolf Schönlau: »Das Hibernat«, Hörspiel, WDR 2013

Und wenn Spiekeroog im Winter wieder Land verliert und das Ministerium zur Bewirtschaftung der Ressource (MBR) daraufhin den Nachhaltigkeitsfaktor erhöht? Alarmiert von dem Gedanken, sprang ich von der Chaiselongue auf. Könnte ich von der Reise zurücktreten? Oder hieße es in gewohnter Behördenmanier, dass zwar mein Aufenthalt auf der Insel durch höhere Gewalt verhindert sei, nicht aber die Reise zum Anleger? Mein Mobilitäts-Budget nicht mit dem entsprechenden Betrag für die Fähre belastet werde, ich mir aber keine Sorgen um meine Erholung machen solle, denn man habe für mich bereits eine vergleichbare Unterkunft im Hinterland reserviert? Zum alten Nachhaltigkeitsfaktor von Spiekeroog, wie ich sicher verstehen würde, denn mit dem Upgrade der Insel auf Stufe 6 wäre die Nachfrage nach der Ressource »Nachgelagerte Küstenregion« gestiegen und damit die Notwendigkeit ihrer nachhaltigeren Bewirtschaftung gegeben.

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